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Lesezeit: 9 Minuten | August 2020

Infrastrukturvorhaben treiben Fortschritt voran

Wachsende Bevölkerungszahlen einerseits und eine von mangelnden Investitionen im Infrastrukturbereich geprägte Geschichte andererseits sind der Grund, warum sowohl Australien als auch Neuseeland heute vor einer ambitionierten Anzahl potentieller Projekte stehen. Neue Finanzierungsmodelle, neue Beschaffungswege und innovative Fortbildungsinitiativen werden eine zentrale Rolle spielen, um diese Projekte –und Visionen erfolgreich umzusetzen.

Die australische Regierung hat Großes vor: die beträchtliche Investitionssumme von 10 Milliarden AUD (5,9 Mrd. EUR) soll in den kommenden zehn Jahren in die Verkehrsinfrastruktur fließen. Es gilt Verkehrsverbindungen zwischen Städten zu verbessern, Staus zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit des Güterverkehrs zu steigern. Denn die 25 Millionen starke Bevölkerung von Australien wird – befeuert durch das rasante Wachstum der Metropolregionen Sydneys und Melbournes – bis 2050 auf etwa 40 Millionen Einwohner anwachsen.

„Auf den Punkt gebracht: Die Bevölkerung in unseren Städten wächst, die Infrastrukturen jedoch sind bereits jetzt überbeansprucht. Die Regierung hat erkannt, dass wirtschaftlicher Wachstum Hand in Hand geht mit der Weiterentwicklung von Verkehrsmitteln und Infrastrukturen“

sagt Grant Bowery, Infrastrukturdirektor beim internationalen Dienstleistungsunternehmen Turner & Townsend in Sydney.

Der geborene Brite Bowery lebt heute mit seiner australischen Familie in Sydney. Seine Erfahrungen aus Großbritannien und dem Nahen Osten bringt er nun in seinen heutigen Heimatmarkt ein.

Derweil schmiedet Neuseeland jenseits der Tasmanischen See ebenfalls umfangreiche Pläne. Obwohl das Land mit einem Bruchteil der Fläche seines größeren Nachbarn nur knapp fünf Millionen Einwohner zählt, sind die Vorhaben Neuseelands gleichermaßen kühn. Im Januar dieses Jahres hat die neuseeländische Regierung einen Infrastrukturfonds mit 12 Milliarden NZD (6,6 Mrd. EUR) angekündigt. Beinahe 7 Millarden NZD (3,8 Mrd. EUR) davon sind für das Transportwesen vorgesehen.

Die Regierungen beider Länder erkennen, dass Infrastrukturinvestitionen Hand in Hand mit wirtschaftlichem Wachstum gehen. Während die Weltgemeinschaft mit der COVID-19-Pandemie kämpft und hart daran arbeitet, deren Auswirkungen zu meistern, wird diese Überlegung wichtiger denn je.

Betrachtet man nicht nur diese neuen Verkehrsinfrastrukturpläne sondern auch die bereits laufenden Maßnahmen zum Modernisierung der Wasserversorgung und den sich schnell entwickelnden Sektor der erneuerbaren Energien ergibt sich für die Tunnelbau-Community eine ergiebige Job-Pipeline in Australien und Neuseeland. Doch die Realisierung dieser nachhaltigen Projektvielfalt rückt in beiden Ländern Fragen hinsichtlich der Finanzierung, der Knappheit von Fachwissen und Materialien sowie der Risikoverteilung in den Fokus.

Tunnelbau-Boom

Australiens laufenden und geplanten Tunnelbauprojekte zeichnen ein eindrucksvolles Bild des Wachstums des riesigen Landes. Metroprojekte in Sydney, Melbourne, Brisbane und Perth; umfangreiche Straßenerweiterungen zur Stauvermeidung in den Städten; Wasser- und Abwasserprogramme zur Erweiterung von Systemen, die heute am Anschlag ihrer Kapazitäten arbeiten; und die 1.700 Kilometer lange „Inland Rail“, eine Güterbahnstrecke zwischen Melbourne und Brisbane. Zusätzlich gewinnen Pumpspeicherkraftwerke zum zwischenspeichern von Elektrizität sowie laufende Studien zu Hochgeschwindigkeitsbahnen als Alternative zum Fliegen unter dem Blickwinkel einer nachhaltigeren Zukunft an Wichtigkeit.

Zusammen mit Kollegen aus aller Welt arbeiten Australiens Tunnelbauer bereits hart an einer Fülle wichtiger Projekte. Harry Asche blickt auf eine Liste mit 13 aktuellen Tunnelprojekten in Victoria, New South Wales, Queensland und Western Australia, die er zusammengestellt hat.

„Wir hatten in den vergangenen zehn Jahren bereits eine beträchtliche Zahl an Tunnelbauprojekten, jetzt jedoch erleben wir noch einmal einen enormen Anstieg. Im Moment werden 380 Kilometer Tunnel realisiert. Das ist gewaltig!“

äußert Harry Asche, Präsident der Australian Tunnelling Society und Design-Direktor bei Aurecon.

Aus seiner Liste an Projekten sucht Asche eine Handvoll aus, die zeigen, wie sich der Tunnelbau in Australien entwickelt. Darunter ist auch das größte Nahverkehrsprojekt des Landes, die Metro in Sydney: ein nagelneues Netzwerk mit 31 Stationen, 66 Kilometern neuen Gleisen und den ersten fahrerlosen Zügen in ganz Australien. Und dann ist da der West Gate Tunnel in Victoria mit den landesweit größten Tunnelbohrmaschinen (TBM). Dieses Projekt, so Asche, ist auch aufgrund seines innovativen Layouts bemerkenswert: die mechanischen und elektrischen Anlagen befinden sich in einer Kammer unter der Fahrbahn und sind so nonstop zugänglich.

Im Gegensatz zu anderen Ländern, welche sich voll und ganz der Schiene zur Entlastung der übervollen Straßen zuwenden, erweitert Australien auch seine Autobahnen, um mit dem wachsenden Verkehrsaufkommen Schritt zu halten. Wenn in Sydney die neuen Verbindungen WestConnex und Western Harbour Tunnel  Beaches Link im Laufe dieses Jahrzehnts fertiggestellt werden, wird New South Wales fünfmal mehr Autobahntunnelkilometer haben wie bisher.

Nachhaltige Zukunft

Für Australiens Bestrebungen um erneuerbare Energie, ist es essentiell, Energie speichern zu können. Pumpspeicherkraftwerke funktionieren wie riesige Batterien: Mit aus Sonnen- oder Windkraft erzeugter Energie wird Wasser in ein höher gelegenes Reservoir gepumpt, wenn die Energienachfrage gering ist. Durch gezieltes Ablassen in ein tiefergelegenes Becken wird aus dem Reservoir dann erneut Energie gewonnen, wenn diese benötigt wird.

„Da Australien sich immer mehr in Richtung Solarenergie und Windkraft orientiert, besteht ein Bedarf an Batterien – und da kommen Pumpspeicherkraftwerke ins Spiel“, sagt Asche. „Alte Minen sind dafür ideal geeignet, denn das erforderliche Wasservorkommen, die Höhendifferenz und die Infrastruktur zur elektrischen Energieübertragung sind dort häufig bereits vorhanden.“

Das Projekt Snowy 2.0 in New South Wales geht als erstes neues Pumpspeicherkraftwerkprojekt an den Start. Es wird zwei bestehende Dämme miteinander verbinden und ein neues, unterirdisches Elektrizitätswerk mit 27 Kilometern Tunnel schaffen. Ebenso wurde kürzlich der Auftrag für Kidston Hydro 2 vergeben. Es ist das erste Wasserkraftprojekt weltweit, das Schächte einer stillgelegten Goldmine nutzt. Parallel dazu entsteht eine 270 MW starke Solarfarm als Schwesterprojekt.

Die andere essenzielle Ressource für Australien ist Wasser, wie die langanhaltende Trockenperiode zu Beginn des Jahres mit seinen schrecklichen Auswirkungen eindrücklich gezeigt hat. Das Land investiert deshalb mit Nachdruck in widerstandsfähigere Wasserspeicher, erläutert Bowery.

„Bei uns treten hauptsächlich starke Regengüsse auf und kein stetiger Niederschlag über längere Zeitspannen. Die Infrastruktur muss entsprechend ausgestattet sein, um mit diesen Bedingungen zurechtzukommen“, erklärt er. Solche Projekte bedürfen Anpassungen an der bestehenden Wasserinfrastruktur, wie etwa die Erhöhung von Dämmen, damit das Wasser von enormen Niederschlägen gespeichert werden kann; oder den Bau neuer Verbindungen, um es bei Bedarf zwischen den einzelnen Speicheranlagen hin und her pumpen zu können.

Projekte zur Verbesserung der Wasser- und Abwassersysteme sind schon seit Jahrzehnten im Gange und werden auch fortgeführt, um mit der wachsenden Bevölkerung der Städte mithalten zu können, berichtet Asche.

Neue Einwohner in Neuseeland

Ein Drittel der gesamten Bevölkerung von Neuseeland lebt im Großraum Auckland auf der Nordinsel des Landes. Durch starke Zuwanderung wächst die Metropole zusätzlich um 11% auf ca. 1,6 Millionen Einwohner an. So gesehen ist es nicht überraschend, dass die zwei größten Tunnelprojekte des Landes, die City Rail Link Metro und das Abwasserprojekt Central Interceptor, hier anzutreffen sind.

„Beide Projekte sind aufgrund ihres Maßstabes für Neuseeland bedeutend, obwohl EPB-Technologie hier bereits seit einigen Jahren eingeführt ist“, sagt Bill Newns, Präsident der New Zealand Tunnelling Society und Direktor von NovoConsult. „Die Kavernen für den City Rail Link in Aucklands weichem Fels haben ein enormes Ausmaß. Die erheblichen Beeinträchtigungen, die durch Tunnelbau in offener Bauweise im Hauptgeschäftsviertel entstehen, werden künftig vermutlich zu mehr vollständig unterirdischen Lösungen führen.“

Ausgebildete Eigengewächse

Das Gehalt der australischen Arbeiter ist dank der Bergbauindustrie und der Unterstützung durch Gewerkschaften bereits ganz beträchtlich. Eine Häufung von Infrastrukturgroßprojekten zur gleichen Zeit, in der gleichen Region sorgt für eine Knappheit an Bauarbeitern und Bauexperten auf allen Ebenen. „Firmen werben sich mit höheren Löhnen gegenseitig Angestellte ab“, erläutert Bowery.

Die Branche arbeitet intensiv daran, dieser Gefahr entgegenzuwirken und baut die für die Vielzahl an Tunnelbauprojekten benötigten Skills und Kompetenzen auf. Trainingsprogramme und -einrichtungen wurden an spezifische Projekte wie die Sydney Metro Northwest und WestConnex gekoppelt, erklärt Asche. In Neuseeland nutzt die Industrie eine Trainingsstätte in Auckland, die Watercare errichtet hat.

Am Holmesglen Institute in Victoria entsteht aktuell Australiens erstes permanentes Tunnelbau-Trainingszentrum. Das 16 Mio. AUD (9,5 Mio. EUR) teure Victorian Tunnelling Training Centre wird lebensgroße Nachbauten eines bergmännisch vorgetriebenen Tunnels, sowie des Inneren einer TBM enthalten. Zudem werden Simulatoren und Virtual-Reality-Anwendungen genutzt. Beim Design des Zentrums hat sich Holmesglen von der britischen Tunnelling and Underground Construction Academy (TUCA), die im Zuge des Crossrail-Projekts entstanden ist, sowie von der Tunnel Training Academy in Kuala Lumpur, inspirieren lassen.

Im Wettbewerb mit seinem größeren, geschäftigeren Nachbarn muss sich Neuseeland zusätzlich positionieren. „Es war bislang durchaus üblich, dass eine Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften nach Australien stattfindet, da die Löhne dort besser sind. Aber Umfang und Kontinuität der Arbeiten hierzulande ändern dies langsam“, erklärt Newns. 

„Wir müssen das nächste unterirdische Großprojekt in die Startlöcher bringen, um die Fachkompetenzen im Land zu halten, damit wir alle von den jüngsten Investitionen in Kompetenzen und Fachwissen profitieren.“

sagt Bill Newns, Präsident der New Zealand Tunnelling Society und Direktor von NovoConsult.

Brancheninstitutionen, wie beispielsweise die Neuseeländische Infrastrukturkommission, und Projektverantwortliche sind in Neuseeland zusammengekommen, um Rahmenbedingungen für die Weiterbildung der ansässigen Arbeitnehmer zu schaffen und damit deren Kenntnisse aus der Baubranche in den Tunnelbau zu übertragen. „Wir entwickeln ein Programm und anschließend arbeiten wir daran, die benötigten Mittel dafür zu beschaffen und es zu realisieren“, sagt Newns.

Blick in die Zukunft

Eine der Hürden für eine langfristig ausgelegte Qualifizierung von Personal für den Tunnelbau, und den Infrastruktursektoren insgesamt, ist der kurze politische Turnus von nur drei Jahren sowohl in Australien als auch in Neuseeland. Aufgrund der ständig wechselnden Regierungen gab es keinen längerfristig verbindlichen Plan, welcher den Unternehmen die nötige Zuversicht geben konnte, in die Fachkenntnisse ihrer Arbeiter zu investieren und diese auszubauen.

„Wir versuchen als Branche fortwährend, konsistente politische Leitlinien zu erzielen“, erzählt Bowery. „Seit längerer Zeit haben wir nun die gleiche Regierung, die sich stark für Infrastrukturinvestitionen einsetzt. Wenn jedoch ein Regierungswechsel ansteht, kann das auch einen Wechsel der Prioritäten bedeuten.“

Diese Situation hat sich jedoch mit der Etablierung unabhängiger Gremien, wie der Infrastructure Australia und Infrastructure New South Wales, verbessert. Sie setzten sich zum Ziel, Investitionsvorschläge in Infrastrukturen eingehend zu prüfen und ausgerichtet auf die Bedürfnisse des Staates und der Regionen zu priorisieren.

„Der Einfluss dieser Gremien wuchs in den letzten fünf Jahren stetig“, sagt Bowery. „Sie lassen politische Befindlichkeiten bei der Priorisierung außen vor und stellen so sicher, dass Projekte guten gesellschaftlichen Nutzen bringen.“

Obwohl manche Stimmen argumentieren, dass die notwendigen umweltpolitischen und finanziellen Hürden Großprojekte verzögern und entwerten, kommt Australien verglichen mit anderen Ländern sogar schneller aus den Startlöchern. Das liegt mit daran, dass das Umweltgenehmigungsverfahren parallel zum Planungsprozess abläuft.

„Wir haben eine Studie über internationale Verkehrsinfrastrukturentwicklung durchgeführt und dabei festgestellt, dass Australien im Allgemeinen schneller auf dem Markt ist und mit den Arbeiten auf der Baustelle beginnt. Im Vorfeld werden jedoch weniger Entwürfe ausgearbeitet und es wird weniger Risikoreduzierung für die Projekte betrieben, so kommt es zu Verzögerungen in der Bauphase“, berichtet Bowery. „Insgesamt dauern unsere Projekte dann genauso lange wie die in Großbritannien.“

Umweltpolitische und soziale Führung gewinnt umso mehr an Bedeutung, je mehr sich Geldgeber und Politiker dafür interessieren, welche Herangehensweise den größten Mehrwert bietet. Australiens und Neuseelands Vielfalt an internationalen Tunnelbauern bringt eine breite Vielfalt an kulturellen und technischen Denk- und Herangehensweisen mit sich, die miteinander kombiniert die besten Lösungen weltweit hervorbringen könnten.

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Jack Brockway Geschäftsführer Herrenknecht Tunnelling Systems USA Inc.
Gerhard Goisser COO Herrenknecht Tunnelling Systems USA, Inc.